Essay Deutsch
29 September 2013

Schwindende Opazität
Von Colin Graham
Aus dem Buch ‘Still’
(Auszug)
[…] ‚Still‘ ist solch eine hart errungene Serie opaker Bilder, die auf oberflächlicher Ebene die Fragmentierung des Ich offenlegt und die Arten, auf welche ein Leben visuelle Kohärenz zu präsentieren scheint, sie dann aber entzieht, gerade wenn alles dabei ist, im Gesamten Bedeutung anzunehmen. Doch ‚Still‘ ist viel mehr als das. Es sieht Menschen, Bekanntschaften, eine Geliebte, Landschaften. Es weigert sich, die Palette der Welt um der visuellen und metaphysischen Kohärenz willen mit der gleichen Farbe zu verwaschen. Stattdessen nimmt es Momente wahr, in denen der Sinn des Seins durch den Akt des Sehens gebildet wird, und weiß und akzeptiert, dass diese Momente inkohärent, ja sogar gebrochen, erscheinen werden. Das tote Fleisch des Rehs ist eine thematische Hervorhebung des ultimativen Punkts, an den uns unsere Gebrochenheit bringen wird. ‚Still‘ fängt den Prozess des Werdens ein, nicht das voll ausgebildete Sein; es beinhaltet eine Auffassung des Ich, die immer lebendig ist an den Orten, an denen es existiert, und diese Orte haben ein Leben außerhalb und vor dem Betrachter. Das Ich in diesem Werk sieht andere Menschen als die an, die die Existenz des Ich durch ihre bloße Existenz ermöglichen. Levinas beschreibt es folgendermaßen:

Vielfältigkeit des Seins, die Totalisierung zurückweist, aber Form annimmt in Brüderlichkeit und Austausch, lässt sich in einem ‚Raum‘ finden, der im Grunde asymmetrisch ist.

 

‚Still‘ ist so ein asymmetrischer Raum. Genauso wie das Herschel-Portrait von Cameron das Gewicht der Fotografie auf das Menschsein des Portraitierten verlegt (und weg von beispielsweise Herschels sozialem Status), so weist ‚Still‘, ein offenbar autobiografisches Kunstwerk, die Totalisierung der künstlerischen Vision zurück, diesen übermächtigen Eindruck eines kontrollierenden Ich, das auf weise Art sieht. Stattdessen tröstet uns ‚Still‘ mit einer wahren Vielfalt des Seins, durch Gemeinschaft mit anderen und durch Orte, die ihre eigenen Dimensionen annehmen, in unserer eigenen Fragmentierung. ‚Still‘ kehrt Egoismus um und hält uns dazu an, ruhig zu bleiben, um zu sehen und weiterhin wahrzunehmen, so dass wir immer noch sehen, und uns immer weiterentwickeln, in Asymmetrie zu anderen. ‚Still‘ feiert schließlich die Opazität der Fotografie als die Konsequenz der Opazität des Selbst. […]

Übersetzung: Franziska Schratt
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